Schreiber und Werker

Alles nur Gerümpel

 

Onkel Michel ist klein, kleiner noch als unsere Grossmutter. Aber er ist flink und es würde mich nicht wundern, wenn er wie ein Wiesel in einem Mausloch verschwände und kurz darauf mit der Beute zwischen den Zähnen herauskäme. Er hat den längsten Bart in der Verwandtschaft. Der ist weiss und reicht ihm bis über den Bauch.

Onkel Michel rennt um die Karre herum, schirmt mit der Hand die Augen vor der Sonne ab und schaut den Abhang hinunter.

„Beeilt euch!“, spornt er uns an. „Wenn Frieda uns sieht, verdirbt sie uns das Spiel.“

Tante Frieda geht jeden Tag zur Heiligen Messe. Sie ist eine gute Seele, hat einen Buckel und ist immer schwarz gekleidet. Und sie kann sich von nichts trennen. Sie sammelt alles, weil sie der Überzeugung ist, dass alle Dinge dazu bestimmt sind, wieder und wieder eine Verwendung zu haben. Leere Olivenölkannen, Krüge und Töpfe mit Sprüngen, zusammen geleimt oder in Scherben, kaputte Nagelschuhe, eine Kiste mit rostigem Besteck, durchlöcherte Pfannen.

Wir schieben die Karre an. Onkel Michel und ich stossen hinten, mein Bruder zieht vorne an der Deichsel. Ein Kessel fällt herunter. Ich erwische ihn, bevor er den Abhang hinunter kollert.

„Zuviel geladen!“, ruft Onkel Michel und stemmt sich mit der Schulter gegen die Karre. In den Erdhöhlen am Wiesenbord spotten die Grillen mit ihrem Gezirp. Langsam aber stetig kommen wir voran. Wenn wir oben auf dem flachen Weg, der durch den Wald führt, angelangt sind, kann uns Tante Frieda nicht mehr sehen. Dann wird es ein leichtes sein, die Karre geradeaus an unser Ziel zu schieben.

Onkel Michel hat uns versprochen, dass er uns, wenn wir ihm beim Holzen und auf dem Feld tüchtig helfen, ein Spektakel bieten würde. Das Spektakel kennen wir. Jedes Jahr ist es das gleiche und wir möchten es niemals missen.

„Ziehen!“

Plötzlich rollt die Karre zwei Schritte zurück. Onkel Michel und ich stemmen uns gegen die Ladefläche. Die Karre steht still. Mein Bruder dreht sich um.

„Sie kommt!“

Onkel Michel klaubt seine Sackuhr aus der Gilettasche, fährt mit dem Ärmel über das Glas.

„Der Pfarrer hat es heute kurz gemacht. Der Schnaps und die Neue im Hirschen werden ihn gestochen haben.“

Tante Frieda hat uns bereits entdeckt. Sie läuft durch die Wiese den Hang hinauf, hinterlässt ihre Spur im Gras. Ihre Handtasche rotiert wie der Propeller eines Flugzeugs. Sie ruft etwas, wir können sie nicht verstehen.

„Vorwärts!“, feuert uns Onkel Michel an. „Sie darf das Gerümpel nicht sehen.“

Mit Tante Frieda im Rücken kommen wir schneller voran.

Onkel Michels Kopf leuchtet, sein Gesicht glänzt, Schweiss tropft ihm von der Nase. Mir brennen die Muskeln in Armen und Beinen.

„Wartet!“, hören wir Tante Frieda rufen. „So wartet doch!“

Sie ist knapp hinter uns.

„Weiter!“, ruft Michel.

Wir sind oben auf der Ebene.

Tante Frieda überholt uns. Ihr Haarknoten hat sich gelöst, die Strähnen zwirbeln vor ihrem Gesicht. Sie stellt sich vor uns, keucht, als hätte sie einen durchlöcherten Blasbalg in der Lunge.

„So wartet doch!“

Dann realisiert sie, was wir vorhaben, schluckt zwischen dem Keuchen, als könnte sie die Ungeheuerlichkeit hinunterschlucken.

„Herr Jesses!“

Mit beiden Händen wühlt sie im Gerümpel, ergreift die Hälfte eines Steinzeugkruges, fuchtelt damit in der Luft.

„Den nicht!“

Onkel Michel lehnt sich an die Karre, wischt sich mit dem Taschentuch über das Gesicht.

Tante Frieda wirft mit den Händen um sich.

„Herr Jesses! Der schöne Kübel für die Geranien … die Korbflasche … nein, das Blechfass könnt ihr mir nicht wegwerfen.“

„Was willst du mit dem Fass?“, fragt Onkel Michel, der wieder zu Atem gekommen ist. „Es ist durchgerostet.“

„Herr Jesses!“

Tante Frieda hält ihre alte Bratpfanne in der Hand. Der Stiel ist abgebrochen.

„In der Not brauch ich die noch!“

„Vorwärts, Buben!“, befiehlt Onkel Michel.

Während wir weitergehen, zerrt Tante Frieda weitere Stücke vom Wagen.

„Jesses, Jesses“, sagt sie immer wieder.

Sie tut mir leid. Mir scheint, sie sei dem Weinen nahe. Was Tante Frieda von der Karre nimmt und auf den Boden stellt, heben wir wieder auf und werfen es zurück auf die Ladefläche.

„Gerümpel!“, schreit Onkel Michel. „Alles Gerümpel!“

Tante Frieda gibt auf. Mit einem zersprungenen Teekrug unter dem Arm, zwei Kesseln in der rechten Hand, in der linken einen zerzausten Reisbesen ohne Stiel, bleibt sie stehen.

„Jesses“, stammelt sie nochmals, dreht sich um und trottet den Weg hinunter.

„Gerettet!“, lacht Onkel Michel, als wir das Auf und Ab von Tante Friedas Buckel im Rank bei den Haselstauden verschwinden sehen.

Oben auf dem Weg durch den Wald hören wir plötzlich den Wind. Er greift von oben zwischen die Tannen. Rauschen und Heulen. Die Baumwipfel biegen sich, Äste ächzen und gieren. Ich bin froh, dass Onkel Michel bei uns ist.

„Der Föhn“, sagt er. „Die Armen Seelen mögen ihn nicht. Hört, wie sie klagen!“

Beim Verlassen des Waldes schleudert uns der Sturm Staub und dürre Blätter ins Gesicht. Onkel Michel wankt im Wind, als sei er besoffen.

Wir schieben die Karre bis kurz vor den Abgrund. Hunderte von Metern fällt der Fels schier senkrecht hinunter bis zum See. Die Luft schiesst an der Felswand hoch. Zwei Krähen stehen, ohne mit den Flügeln zu schlagen, über uns im Wind. Schaumkronen ziehen unten über das Wasser. Nicht ein einziges Schiff ist auf dem See.

Mein Bruder und ich liegen auf dem Bauch, schauen über die Felskante in die Tiefe. Onkel Michel jauchzt, wirft zwei Krüge über uns hinweg. Sie zerschlagen auf einer Felsnase unter uns. Splitter spritzen hinaus in die Luft, fallen wie Schneeflocken dem Wasser entgegen. Onkel Michel rollt das Blechfass nach vorne. Es kippt, fällt, schlägt an derselben Stelle wie zuvor die Krüge auf. Beim Aufschlag tönt es, als hätte ein Riese auf eine Pauke geschlagen. Mein Herz pocht. Das Fass dreht sich, fällt dem Geheule des Windes entgegen. Es stürzt auf einen Abhang mit Geröll und torkelt, zum unförmigen Klumpen zusammengestaucht, dem Wasser zu. Karrenräder folgen, Glasflaschen, ein altes Spinnrad, ein Autoreifen, der sich mit einem Riesensatz von einem Felsvorsprung weit in den See hinaus katapultiert und eine Fontäne aufwerfend ins Wasser taucht. Onkel Michel ist in seinem Element.

„Ist das was?“, schreit er, „Und jetzt das Dessert!“

Er hievt eine Holzkiste vom Karren, zwängt mit seinem Sackmesser den Deckel auf, hält zu unserem Erstaunen eine Schallplatte in der Hand. Sein Bart züngelt wie eine weisse Flamme in Richtung Himmel, die Hosenbeine flattern. Onkel Michels Augen blitzen.

„Beethoven! Die Neunte!“, schreit er und schleudert die Schallplatte waagrecht hinaus in den Wind.

Nach ein paar Metern Horizontalflug erfasst der Wind die sich drehende Scheibe, trägt sie hoch. In zweifacher Baumhöhe schiesst sie über unsere Köpfe hinweg, zwirbelt über den Baumwipfeln und verschwindet im Wald. So stelle ich mir ein fliegendes UFO vor.

„Bach! Liszt! Mendelssohn!“

Drei Schallplatten fliegen wie in einem Ballet zusammen in der Luft. Ich glaube, über mir im Wind Fetzen von Melodien zu hören.

Onkel Michel schreit.

„Mondscheinsonate! Weihnachtsoratorium! Ring der Nibelungen!“

Die beiden Krähen haben sich verzogen.

Schwarze Scheiben, eine nach der andern, steigen vor uns hoch. Alle verschwinden hinten im Wald. Mozart und zum Schluss Chopin.

„War das nicht ein Spektakel?“, fragt uns Onkel Michel, nachdem er die leere Holzkiste in den Wind hinaus geworfen hat und diese unter uns auf dem Fels zersplittert.

„Machst du es nächstes Jahr wieder?“, fragen wir.

Onkel Michel schmunzelt und zwinkert uns zu.

„Los!“, sagt er „Die Frieda und das Mittagessen warten.“

 

Fünfzig Jahre später stehe ich wieder in einem Föhnsturm oben auf dem Fels. Zum Abgrund hin mit einem Eisengeländer abgesperrt ist der Ort heute ein beliebter Aussichtspunkt für Wanderer. Ein Sturmwind fegt um mich herum. Schaumkronen ziehen unten über den See, ein paar Surfer schiessen über das Wasser. Krähen segeln diesmal keine über mir. In Gedanken sehe ich den wehenden Bart von Onkel Michel, seine funkelnden Augen, die fliegenden Schellack-Schallplatten, die heute gesuchte Sammelobjekte wären.

„Herr Jesses“, imitiere ich Tante Frieda. „Werft mir die nicht weg! Die sind ein Vermögen wert.“

Ich bücke mich nach einem Föhrenzapfen, schmeisse ihn hinaus über die Absperrung. Der Wind ist bereit, wie damals. Der Zapfen steigt vor mir hoch, tanzt in der Luft und landet hinter mir auf dem Weg.

Den Wind im Rücken gehe ich zum Wald, schlendere kreuz und quer, übersteige modernde Baumstämme und Steine, halte Ausschau nach Schallplatten. An die fünfzig muss Onkel Michel weggeworfen haben. Überreste könnten durchaus noch zu finden sein. Scherben von Tristan und Isolde, eingewachsen in der Rinde eines Baums, ein Stück aus der Kleinen Nachtmusik auf einem mit Moos bedeckten Stein, ein halber Schubert im kniehohen Farn. Ich finde nichts.

„Sei still!“, höre ich plötzlich jemanden in meinem Rücken zischen. Ich drehe mich um. Niemand ist zu sehen. Ein Schauder zieht über meine Haut. Eine Sturmböe stürzt sich in die Bäume, als wollte sie den Wald in Fetzen reissen. Dazwischen kann ich es hören. Das Heulen der Armen Seelen, durchbrochen von Musikfragmenten. Dann ein Krachen. Ein Ast fällt vor mir auf den Boden. Dem Paukenschlag folgt Flüstern.

„Jesses, Jesses“, höre ich Tante Frieda.

Darauf die Antwort von Onkel Michel.

„Alles nur Gerümpel.“

 

 © Niklaus Epp